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AM BESTEN BARFUẞ

Wege dienen mehr als nur der Verbindung von A nach B. Mitunter können sie sogar selbst das Ziel sein – vorausgesetzt sie warten mit besonderen Qualitäten auf. Als Gegenmittel zur Hektik des Alltags wirken neue Fußgängerbrücken und Installationen, die nicht nur zu körperlicher Ertüchtigung animieren. Mit der Wiederentdeckung der Langsamkeit aktivieren sie sämtliche Sinne.

Die Geschwindigkeit ist unser ständiger Begleiter. Mit ihr hat sich auch die Wahrnehmung verändert. Können Sie sich noch an ihren Heimweg erinnern? Wie sahen die Straßen, Menschen, Häuser und Bäume aus? Welche Farbe hatte der Himmel? Und welche Form die Wolken? Vieles, was uns auf unseren alltäglichen Wegen begegnet, bliebt unbemerkt oder wir vergessen es, sobald wir unser Zuhause erreicht haben. Wir bewegen uns losgelöst von unserer Umgebung – ganz gleich ob im Auto, Zug oder Flugzeug. Geschützt von einer künstlichen Kapsel, jagen wir wie in Tunneln von einem Ziel zum anderen.

Welche Entfremdung damit einhergeht, ahnte schon Goethe. In einem Brief an Bayerns König Ludwig I. schrieb er 1827 über den beschleunigten Kutschenverkehr: „Einer eingepackten willenlosen Ware gleich schießt durch die schönsten Naturschönheiten der Mensch. Länder lernt er keine mehr kennen. Der Duft der Pflaume ist weg (…)“. Als wenige Jahre später die ersten Eisenbahnen durchs Land fuhren, befürchteten einige Zeitgenossen sogar negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

„Bahnfahrten von mehr als 30 Stundenkilometern würden bei Reisenden wie bei den Zuschauern unfehlbar schwere Gehirnerkrankungen, eine Art Delirium furiosum, erzeugen“, soll das bayerische Obermedizinalkollegium 1835 gewarnt haben. Diese viel zitierte Behauptung ist zwar frei erfunden und wurde von einem Historiker im späten 19. Jahrhundert in Umlauf gebracht. Doch ganz von der Hand zu weisen war die Skepsis nicht: Immerhin hat sich der Mensch noch nie so schnell fortbewegt. Und die Frage, welche Folgen die neue Flut an Sinneseindrücken haben wird, schien mehr als berechtigt.

Mit der Zeit haben wir uns an die Geschwindigkeit gewöhnt. Statt unter einer Reizüberflutung infolge von schnell vorbei huschenden Landschaften zu leiden, geschieht in vielen Fällen das genaue Gegenteil: Wir vertiefen uns in unsere Smartphones, lesen Emails und Nachrichten und vergessen die Landschaften und Orten, durch die wir uns bewegen. Doch genau an dieser Stelle formt sich seit einigen Jahren Widerstand. Nicht nur, dass wir den Alltag mit gesundem Essen und nachhaltigen Produkten zu endschleunigen versuchen. Auch die Fortbewegung wird keineswegs nur unter dem Aspekt der Zeitökonomie betrachtet.

Fast überall auf dem Globus spießen derzeit neue Wanderwege, Fußgängerbrücken und Aussichtsplattformen aus dem Boden, die die Bewegung mit den eigenen zwei Beinen forcieren. Losgelöst von rollenden und fliegenden Fortbewegungsmitteln, wird damit nicht nur die Durchblutung gefördert. Auch die Sinne werden rundum aktiviert – vorausgesetzt die neuen Passagen liefern die nötige Spur Nervenkitzel, um bei den geschwindigkeitsverwöhnten Zeitgenossen keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Welch eindrucksvolle Bilder dabei entstehen können, zeigt der „Paiva Walkway“ entlang des gleichnamigen Flusses in Portugal. Der acht Kilometer lange Weg führt an steilen Klippen, Wasserfällen und Hügeln vorbei und erschließt unterschiedliche Flora und Fauna – von satten Wiesen und Wäldern bis hin zu spärlich moosbewachsenen Berghängen. Dem Entwurf des portugiesischen Ingenieurbüros Trimetrica gelingt dabei ein seltener Spagat: Um den Eingriff in die Natur so gering wie möglich zu halten, benötigt die Konstruktion der hölzernen Treppen, Brücken und Wege nur wenige Ankerpunkte. Gleichzeitig wird eine spektakuläre Erfahrung geschaffen, bei der sich Perspektiven aneinanderreihen wie die Sequenzen eines Films. Das Ergebnis ist ein Schaukasten in die Natur, der alle Sinne umspielt und das Tempo unwillkürlich drosselt.

Wie die Abkehr von Tunnelblick gelingt, haben die dänischen Architekten Johan Gjøde & Nils Povlsgaard mit ihrer „Infinite Bridge“ in Aarhus bewiesen. Die Brücke schafft keine Verbindung zwischen zwei Punkten. Sie definiert stattdessen einen geschlossenen Kreis, der immer wieder umrundet werden kann – mit ständig wechselnden Aussichten und Blickachsen. „Wenn man über die Brücke läuft, erfährt man die Landschaft als eine endlose Panorama-Komposition. Im selben Moment betritt man einen Ort der sozialen Interaktion mit den anderen Menschen auf der Brücke, die dasselbe Panorama erfahren“, erklärt Johan Gjøde das Konzept.

©Aarhus / Billeder

 

Neue Wege einzuschlagen, ist auch das Ziel der Brücke „Cirkelbroen“, die der Künstler Olafur Eliasson in Kopenhagen gestaltet hat. Ihren Namen „Kreisbrücke“ verdankt sie ihrer Konstruktion aus fünf ineinander verschlungenen Kreisflächen, die die Fußgänger und Fahrradfahrer zu mehrmaligen Richtungswechseln zwingen. „Die Brücke bringt die Menschen näher ans Wasser und verleitet sie dazu, ein wenig langsamer zu schalten und eine Pause zu machen“, sagt der in Berlin lebende Künstler mit dänisch-isländischen Wurzeln. Schon wenige Monate nach ihrer Eröffnung im vergangenen Sommer hat sich die Brücke als Treffpunkt und kontemplative Ruhezone inmitten der Stadt etabliert.

© Olafur Eliasson

 

Ein regelrechtes Spektakel war ab Mitte Juni auf dem Iseosee in Norditalien zu erleben. Der New Yorker Künstler Christo, der mit der Verhüllung des Berliner Reichstages 1995 und dem „The Gates“-Projekt im New Yorker Center Park 2005 für Aussehen sorgte, realisierte mit „The Floating Piers“ seinen neuesten Coup: Auf drei Kilometer langen, schwimmenden Wegen konnten die Besucher über das Wasser zu den Inseln Monte Isola und San Paolo wandern. „Das Kunstwerk ist nicht der Stoff, mit dem die Pontons bezogen sind. Es ist auch das Wasser, die Menschen, die Bäume, die Felsen, die Straßen. Sie sind alle Teil des Kunstwerks, das man physisch erfahren muss. Am Besten barfuß“, sagt der 81-jährige, der keine Möbel in seinem Atelier duldet und am liebsten im Stehen spricht, denkt und zeichnet.

Von einer kontemplativen Sinneserfahrung konnte bei „The Floating Piers“ jedoch nur bedingt die Sprache sein. Schließlich ist die sechzehn Tage dauernde Installation von knapp anderthalb Millionen Besuchern gestürmt worden – fast dreimal so viel, wie zunächst erwartet. Der Effekt ging in Teilen aber dennoch auf: Das Gehen auf dem leicht schwankenden Untergrund verlangte eine beständige Neujustierung des Gleichgewichts – und verstärkte damit die gesamte Sinneswahrnehmung. Für eine Intensivierung der Erlebnisses sorgte der ephemere Charakter des Großereignisses. Denn was nicht wenig währt, muss umso genauer betrachtet werden.

Den Reiz des Temporären umgab auch die Installation „The Stairs“, die das niederländische Architekturbüro MVRDV in Rotterdam umgesetzt hat. Von Mai bis Juni konnten die Besucher eine 180-stufige Baugerüst-Treppe erklimmen, die auf das Dach des Rotterdamer Hauptbahnhofes führte. 29 Meter misst der Höhenunterschied von der Straße bis zum Aussichtsplattform, wo das stadtbekannte Kino Kriterion Filmabende und Veranstaltungen organisiert hat. „Wir wollen zeigen, wie diese Stadt aussehe könnte, wenn wir bei einer Reihe existierender Gebäude den Zugang zu den Dächern ermöglichen und sie als zweite Ebene miteinander verbinden würden“, sagt Winy Maas, Mitbegründer von MVRDV. Die Brücke erfüllt somit die Rolle einer Metaebene, die bislang ungenutzte Zonen zugänglich macht und dem urbanen Raum neue Impulse verleiht.

Einen kaum weniger interessanten Vorstoß hat der französische Künstler Olivier Grossetête mit seiner Installation „Pont de Singe“ für die Tatton Park Biennale im nordenglischen Cheshire eingebracht. Als Pylonen dieser Hängebrücke dienen keine stählernen Masten, sondern drei weiße Heliumluftballons. „Der Wind versetzt die Ballons in Bewegung und macht den Bau lebendig. Die beiden Enden der Brücke sind im Wasser platziert, sodass sie aus einer anderen Dimension aufzutauchen scheinen und eine seltsame Mixtur aus Mysterium und Klarheit erzeugen“, erklärt der Künstler aus Marseille. Auch wenn die Brücke das Gewicht von einer Person zu tragen könnte: Der Clou dieses Entwurfs liegt weniger in seiner praktischen Funktion als vielmehr im Erzeugen eines Gedankenspiels: „Was wird beim Betreten passieren?“, schießt den Betrachtern dieser federleichten Brücke unwillkürlich durch den Kopf, die die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden scheint.

Was diese Projekte vereint, ist vor allem eines: Wege und Brücken werden nicht nur als Hilfsmittel betrachtet, um schnellstmöglich von A nach B zu gelangen. Worum es geht, ist die Aktivierung der Empfindsamkeit: Durch Passagen, die zum Innehalten, Nachdenken, Sehen, Riechen und Hören verleiten – und den Lauf der Zeit für einen kurzen Moment außer Kraft setzen. Die einzige Voraussetzung: Das Smartphone sollte höchstens zum Fotografieren verwendet werden. Wer selbst bei atemberaubenden Ausblicken nicht von Emails, Nachrichten und Posts lassen kann, sollte dringend ärztliche Hilfe aufsuchen.

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