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Borderliner

Sie schmelzen dahin, laufen über oder beulen an allen Ecken und Enden aus. Und doch sind Faig Ahmeds Teppiche begehrte Objekte, die einen kreativen Bogen zwischen handwerklicher Tradition und moderner Kunst spannen.

Wer künstlerische Stereotype über Faig Ahmeds Heimatland Aserbaidschan bedienen möchte, kramt tief in der Eurovision Song Contest-Kiste und zerrt ein paar paillettenbestickte Kostüme hervor, die sich auf Knopfdruck in pyrotechnische Disney-Fantasien verwandeln. Doch Ahmed findet in der kulturellen Tradition der Region ganz andere Inspirationsquellen für seine mehrdimensionalen Teppichkunstwerke, die in Galerien von London über Rom, Berlin, New York und Dubai gezeigt werden und Betrachter häufig erst auf den zweiten Blick faszinieren. Denn aus den vertrauten orientalischen Grundmotiven der aufwendig gewebten Leinwände entwickelt der 33-Jährige Objekte, die außer Kontrolle zu geraten scheinen: Gemälde, die übermalt wurden, Muster, die verschwimmen, Skulpturen, die sich in mehreren Schichten übereinander legen oder zu kryptischen Pixeln mutieren und sich in schwarzen Löchern verlieren. Auf Faig Ahmeds Textilskulpturen befindet sich nichts dort, wo es hingehört: 3D-Effekt trifft Fransenteppich.

Die extravaganten und – im wahrsten Sinne des Wortes – grenzübertretenden Installationen dekonstruieren bewusst bekannte Symboliken seiner Heimat, mit denen sich der Aserbaidschaner seit vielen Jahren intensiv auseinandersetzt: “Ich erkunde antike Traditionen, Kulte und Kulturen. Meine physischen und mentalen Entdeckungsreisen führen mich in die Welt der Religion, mystischen Praktiken, antiken Schriften und Kalligrafien.” Beeindruckt von dem Reichtum dieser Welten begann er, diese in seine Gegenwart zu übersetzen und zu hinterfragen. Faig Ahmed erlernte das ursprüngliche Handwerk und stellt es her, verfolgt aber den Ansatz der innovativen Adaption, um es in den Kontext neuer Assoziationsketten und Konzepte zu setzen. In altmodischen, überladen-kitschigen Wohnzimmern haben seine Teppiche fraglos nichts verloren.

Seit dem Studium der Bildhauerei an der staatlichen Kunsthochschule in Baku widmet sich Faig Ahmed Skulpturen und seiner Teppichkunst, ein “Rohmaterial” zu dem er eine emotionale Beziehung pflegt: “Ich liebe Textilien! Die Menschen benutzen sie seit Anbeginn der Zeit bis heute. Etwas anderes, das mich sehr interessiert, sind Muster. Muster und Ornamente finden sich in allen Kulturen. Ich betrachte sie als Worte und Phrasen, die in eine Sprache übersetzt werden können, die wir verstehen.” Es ist genau diese neue Lesart der visuellen Sprache, die durch Faig Ahmeds Dekonstruktion entsteht und die Wahrnehmung von Traditionen durch ikonische kulturelle Objekte herausfordert.

Die Leichtigkeit, mit der Ahmed seine optischen Material und Motiv-Experimente präsentiert, entsteht vor allem durch eine gute Portion Humor und Ironie, von der all seine Objekte durchwoben sind. Wohl kaum ein Betrachter kann sich beim Anblick der originellen Teppiche ein erstauntes Grinsen verkneifen, wobei hinter den vermeintlichen Kunst-Gags hochwertige Fertigung und technische Finessen stecken. Mit der Bildsprache simpler Computerspiele oder Zeichentrickfilme greift Ahmed Elemente der Popkultur auf: moderne Spielereien, wie 3D-Effekte oder Neonfarben. Dadurch entsteht ein fast futuristischer Eindruck, der durch die digitale Verzerrung und Bearbeitung der originalen Teppichmuster hervorgerufen wird. Die Computer generierten Bilder werden dann wiederum nach traditioneller Technik gewebt – ein Spiel mit Kontrasten und dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernität… zum Dahinschmelzen!

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