DER MANNEQUIN MANN - Design
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DER MANNEQUIN MANN

Er ist der König einer unterschätzten Disziplin. Seit vier Jahrzehnten produziert der New Yorker Ralph Pucci Schaufensterpuppen. Keine gewöhnlichen, sondern handgefertigte Figuren für die exklusivsten Einkaufsadressen der Welt. Dabei arbeitet Pucci nicht nur mit bekannten Designern, Künstlern und Models zusammen. Einige seiner Kreationen sind sogar zu Stars avanciert.

Von Norman Kietzmann

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FOTO: ANTIONE BOOTZ

Schaufensterpuppen waren früher ziemlich triste Gestalten. Starr und steif standen sie in den Vitrinen, als müssten sie die Kleider vielmehr bewachen anstatt sie vorzuführen. Ein Mann, der damit Schluss gemacht hat, ist Ralph Pucci. Der gebürtige New Yorker ist mit dem Florentiner Flowerprint-Virtuosen Emilio Pucci zwar nicht verwandt. Spuren hat er in der Mode jedoch auf kaum weniger einprägsame Weise hinterlassen.

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FOTO: ANTIONE BOOTZ

Seit vier Jahrzehnten fertigt Ralph Pucci Schaufensterpuppen, die mit gesichtslosen Kleiderständen gewiss nichts gemeinsam haben. Kunstwerke nennt der hochgewachsene New Yorker seine Kreationen, von denen rund einhundert Exemplare in der Woche seine Werkstatt in Chelsea verlassen. Ganz falsch liegt er mit dieser Einschätzung nicht. Schließlich loten seine Puppen mit menschlichen Zügen geschickt die Grenze zwischen Skulptur und Warenträger aus. Ihre Körper und Gesichter werden zudem von prominenten Designern, Künstlern und Models gestaltet, die den einst unscheinbaren Kleiderträgern nicht nur Sichtbarkeit und Individualität verleihen. Einige Puppen sind sogar selbst zu Stars avanciert.

Die Affinität fürs Figürliche wurde Ralph Pucci in die Wiege gelegt. Bereits sein Großvater hatte damit begonnen, Heiligenfiguren aus Gips herzustellen. Seite Eltern wandten sich weltlicheren Themen zu und eröffneten 1954 die „Pucci Mannequin Repair Co.“ – eine bald stadtbekannte Werkstatt in der Bronx zur Reparatur von Schaufensterpuppen. Als Ralph Pucci 1976 in das Unternehmen einstieg, trat er nicht einfach nur in die Fußstapfen seiner Eltern. Anstatt lediglich die Puppen von Kaufhäusern und Boutiquen auszubessern, begann er damit, seine eigenen Schaufensterpuppen zu entwerfen.

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FOTO: ANTIONE BOOTZ

Für den damals 22-Jährigen war es ein logischer Schritt. Schließlich waren sämtliche Werkzeuge ebenso vorhanden wie das entscheidende Know-how. Drei Jahre sollten vergehen, bis Ralph Pucci die nötige Sensibilität für sein Metier erlangte. Für Aufmerksamkeit sorgte er 1979, als er mit seinen „Action Mannequins“ den steifen Puppen endlich Bewegung beibrachte – und so eine Revolution in den Schaufenstern auslöste. Indem Arme und Beine unabhängig voneinander artikuliert werden konnten, ließen sich die Puppen als Läufer, Radfahrer, Taucher oder gar im Handstand in Szene setzen. Anstelle mit natürlicher Hautfarbe wurden die Figuren mit feuerrotem, schwarzem oder grauem Hochglanzlack überzogen – was deren Wirkung zusätzlich verstärkte.

Ralph Pucci erahnte mit seinen „Action Mannequins“ den Fitness- und Aerobic-Trend der folgenden Jahre vorweg – und traf damit genau ins Schwarze. Dem Zeitgeist war der Jungunternehmer auch weiterhin auf den Fersen. Als 1981 der Musiksender MTV die Medienlandschaft veränderte, reagierte Pucci mit einer Kollektion von Puppen in tanzender Pose. Als Vorlagen dienten ihm nicht nur antike griechische und römische Statuen. Auch die Bühnenkostüme der Glam-Rock-Band „The New York Dolls“ standen Pate für viele seiner Designs, die Popkultur und Skulptur miteinander verbinden sollten. Kein Wunder, dass schließlich auch Andy Warhol auf den unorthodoxen Puppenmacher aufmerksam wurde. Als er gemeinsam mit Keith Harring bei einer Party in Puccis Loft erschien, machte dies am nächsten Morgen die Runde durch die gesamte Stadt.

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FOTO: ANTIONE BOOTZ

Nicht ganz unschuldig am Glamour-Faktor des Abends dürfte noch ein weiterer „Gast“ gewesen sein: Die vergoldete Puppe „The Olympian Goddness“, die die französische Designerin André Putman 1986 für die Eröffnung der neuen New Yorker Barney‘s Boutique entworfen hatte. Mit ihren breiten Schultern und der selbstbewussten Haltung verkörperte sie ein neues, starkes Frauenbild der 80er-Jahre – und wurde so zu einem Bestseller, der von Kaufhäusern und Boutiquen rund um den Globus geordert wurde. Für Pucci markierte die Puppe den Auftakt für zahlreiche weitere Kooperationen, darunter mit den Modedesignerinnen Diane von Fürstenberg und Anna Sui, den Künstlern Kenny Scharf und Lowell Nesbitt oder den Supermodels Veruschka und Christy Turlington. Andrée Putman hat neben der O“lympian Goddness“ noch weitere Entwürfe für Pucci angefertigt, darunter die von Marilyn Monroe inspirierte „The Mistress“ sowie die deutlich abstrahierte „The Form“ (beide 1988). Eine kraftvoll skulpturale Wirkung entfaltet die ganz in schwarz gehaltene Puppe „Birdland“ (1988), bei der der Künstler Ruben Toledo einen weiblichen Torso mit einem stilisierten Vogelköper verschmelzen ließ. Bezüge zur Kunstgeschichte offenbart die Puppe „Ada“ (1994), mit der die Illustratorin Maira Kalman die gestreckten Gesichter aus den Gemälden des italienischen Malers Amedeo Modigliani aufgriff. Einen regelrechten Hype entfachte die Männer-Puppe „Olympic Gold“ (1989) des Malers Lowell Nesbitt, die 1990 vom People Magazin unter die „50 schönsten Menschen“ gewählt wurde.

Bereits seit den siebziger Jahren arbeitet Ralph Pucci eng mit dem Bildhauer Michael Evert zusammen, dem er schließlich auch die Leitung seiner Werkstatt anvertraute. Evert läuft nicht nur zu Höchstform auf, wenn er die Entwürfe aus Puccis Kooperationen in Prototypen aus Draht und Ton umsetzt. Bis heute gelingt es ihm spielend, die Züge vor ihm sitzender Personen lebensecht einzufangen – und so den Puppen Persönlichkeit zu verleihen. Als im vergangenen Herbst die Retrospektive „Ralph Pucci: The Art of the Mannequin“ im New Yorker Museum of Arts & Design (MAD) gezeigt wurde, stellte Michael Evert seine Modellierfähigkeiten direkt vor den Augen der Besucher unter Beweis, indem er einige von ihnen in Ton portraitierte.

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FOTO: ANTIONE BOOTZ

Um den Entstehungsprozess der Puppen erlebbar zu machen, wurde auch ein Nachbau der Pucci-Werkstatt mit all ihrem charmanten Chaos in den Museumsräumen realisiert. In den Regalen hinter einem großen Arbeitstisch reihten sich Gussformen verschiedener Körperteile, dazwischen schauen zahlreiche Büsten und Studien hervor. Die Perfektion der später aus Fieberglas gefertigten Schaufensterpuppen war an dieser Stelle höchstens zu erahnen. Doch gerade dieser Blick hinter die Kulissen ist wichtig, um das Prozesshafte, Fragile und höchst Handwerkliche begreifbar zu machen, das den Kreationen von Ralph Pucci bis heute zugrunde liegt. Anstelle sich auf anonyme Massenfertigung zu versieren, ist der New Yorker Puppenkönig weiterhin dem individuellen Ausdruck auf der Spur – ganz so, wie es sich für eine richtige Kunstwerkstatt eben gehört.

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