Raumschiff an der Côte d’Azur - Design
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Raumschiff an der Côte d’Azur

Nicht von dieser Welt: Das „Palais Bulles“ in Théoule-sur-Mer bei Cannes ist keine gewöhnliche Villa. In den kugelförmigen Räumen feierte der Jet-Set rauschende Partys. Modedesigner Pierre Cardin fand dort den idealen Rückzugsort. Heute steht die exzentrische Immobile zum Verkauf: für 400 Millionen Euro. 



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Im Weltall ist die Schwerkraft wirkungslos. Raumschiffe bewegen sich schwebend in unendlicher Weite umher und lassen räumliche Definitionen wie oben oder unten längst hinter sich. Alles ist in Bewegung. Nichts erstarrt. Es überrascht kaum, dass mit den ersten Erfolgen der Raumfahrt eine junge Architektengeneration auch das Bauen auf der Erde anders denken wollte. Nicht mehr der rechte Winkel sollte Maßstab aller Dinge sein. Stattdessen sollten runde, fließende, organische Formen eine vollkommen neue Richtung vorgeben – fast so, als wären Gebäude nicht mehr von Menschenhand, sondern allein durch die Wirkung der Schwerelosigkeit erschaffen worden.Ein Vorreiter bei dieser Entwicklung war Antti Lovag.
 
A view shows the Palais Bulles by Hungarian architect Antti Lovag in Theoule-sur-Mer, near Cannes
 
Der französische Architekt mit ungarischen Wurzeln experimentierte bereits in den fünfziger Jahren mit runden Gebäudeformen und konnte 1969 mit der „Maison Gaudet“ im südfranzösischen Tourrettes-sur-Loup die Machbarkeit seiner Ideen unter Beweis stellen. Der Industrielle Pierre Bernard zeigte sich davon begeistert und übertrug Antti Lovag den Bau einer spektakulären Villa an der Côte d’Azur in Théoule-sur-Mer – mit atemberaubendem Blick über die Bucht von Cannes.Fünf Jahre dauerte die Planung und Bauphase bis zur Eröffnung des „Palais Bulles“ (Blasen-Palast) 1984. Auf 1.200 Quadratmetern reihen sich 28 Zimmer in Kugelform aneinander und bilden ein kontinuierliches, in sich verwobenes Ganzes. Die Folge: Plane Wände und Decken sind hier ebenso fehl am Platz wie rechtwinklige Fenster und Türen. Das Gebäude gleicht einem höhlenartigen Labyrinth, das über Bullaugen, kugelförmige Oberlichter und ellipsenartige Öffnungen vom Sonnenlicht durchflutet wird. Feminine Kurven statt männliche Kuben lautet die Losung, der die gesamte Inneinrichtung einschließlich Betten, Sofas, Kommoden und Leuchten folgt.
 
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Das I-Tüpfelchen setzt ein sinnlicher Pinkton, mit dem die Außenwände schon von weitem unmissverständlich klar machen, dass hier ein anderer, gestalterischer Wind weht. „Architektur interessiert nicht nicht. Der Mensch und der humane Raum sind das, was mich interessiert“, pflegte Antti Lovag zu sagen. Die Kugel schien ihm dafür die richtige Form sein. Wie ein Kokon wölbt sie sich um die Bewohner und vermeidet eine klare hierarchische Ordnung. In einer Kugel sind alle gleich. In einem Kubus verliert sich jeder in seiner Ecke. Mit der extravaganten Konstruktion des „Palais Bulles“ betrat Antti Lovag tatsächlich Neuland. Schließlich musste er seine Pläne ohne heutige Hilfsmittel wie Computer und 3D-Programme allein am traditionellen Zeichenbrett entwickeln. Dass sein Entwurf bis heute viel Beachtung findet, ist einem weiteren Namen zu verdanken: Pierre Cardin. Nach dem Tod von Pierre Bernard erwarb er 1991 das Anwesen und machte es zu seiner bevorzugten Adresse. Ein Refugium nicht von dieser Welt – umringt von Sonne, Meer und einem 8.500 Quadratmeter großen Garten mit mehreren Schwimmbecken.
 
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Cardin ließ den Bau von Antti Lovag um weitere Blasen-Räume erweitern. Von einem ursprünglich geplanten Theatersaal nahm er jedoch Abstand und ließ stattdessen auf der Fläche eines früheren Tennisplatzes in offenes Amphitheater mit 500 Sitzplätzen errichten. „Das in den Felsen verankerte Palais ist meine Ecke des Paradieses geworden. Seine runden Formen sind die langersehnte Erfüllung vom Abbild meiner eigenen Kreationen“, sagt der umtriebige Gestalter, der im Juli seinen 94. Geburtstag feierte. Trotz aller Begeisterung, die er für das Haus empfindet: Es kann auch von Fremden für Veranstaltungen, Konzerte, Hochzeiten und Übernachtungen gemietet werden – sofern der Hausherr nicht anwesend ist. MTV feierte 2002 den 40. Geburtstag der Bond-Filme. Und der frühere Dior-Designer Raf Simons lud im Mai 2015 zur Präsentation der neuen Cruise-Kollektion ins „Palais Bulles“, das durchaus auch Privatpersonen offen steht. Knapp eintausend Euro kostet ein Doppelzimmer pro Nacht. Für das gesamte Anwesen werden 11.850 Euro berechnet. Peanuts im Vergleich zu der Summe, für die sich Cardin von seiner geliebten Immobilie sogar trennen würde: 400 Millionen Euro. Das „Palais Bulles“ ist damit nicht nur die exzentrischste Wohnimmobilie am Mittelmeer. Sie ist zugleich das weltweit teuerste Haus, das derzeit zum Verkauf steht.
 
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