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Wellen Schlagen

Zaha Hadid hat das Bauen aus den Fängen des rechten Winkels befreit. 2004 wurde die gebürtige Irakerin dafür als erste Frau mit dem Pritzker-Preis geehrt, der weltweit bedeutendsten Auszeichnung auf dem Gebiet der Architektur. Ende März ist die Grande Dame des zeitgenössischen Bauen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere überraschend in Miami verstorben – im Alter von 65 Jahren. Ein Gespräch über universelle Schönheit, gestalterisches Ping-Pong und ihre Kindheit im Irak.

Zaha Hadid, Ihre Architektur wird häufig mit den Attributen fließend oder dynamisch beschrieben. Was ist der Grund für die Abkehr vom rechten Winkel?

Ich denke, dass die Komplexität und Dynamik des heutigen Lebens nicht mehr hineinpassen in die einfachen platonischen Gitter und Kuben des industriellen Zeitalters. Heute, im digitalen 21. Jahrhundert, ist das Leben der Menschen viel flexibler und globalisierter geworden. Es gibt keine einfachen Formeln mehr. Unsere Arbeit ist auf den Versuch ausgerichtet, eine neue architektonische Sprache zu entwickeln, die das gestiegene Level sozialer Komplexität zu organisieren und auszudrücken vermag. Dies reicht von der Planung ganzer Stadtviertel über einzelne Gebäude bis hin zu Einrichtungsgegenständen.

Wie gehen Sie bei der Planung eines neuen Gebäudes vor?

Meine Ideen kommen zumeist aus der Beobachtung des Standorts, der Natur, der Stadt. In meiner Architektur geht es immer darum, wie sich Menschen durch einen Raum bewegen und ihn für sich nutzen. Bei den meisten Projekten steht bereits am Anfang eine konkrete Idee. Doch natürlich hängt das Ergebnis immer davon ab, was ich zu diesem Zeitpunkt sehe und was um mich herum passiert. Das ist ein kreatives Ping-Pong. Manche denken ja, wir Architekten sitzen wie Künstler in einem Raum und haben irgendwelche verrückten Ideen, die jemand dann für uns umsetzt. Aber so funktioniert das nicht bei solch komplexen Projekten. Aber schön wäre es manchmal (lacht).

Sie betonen immer wieder, dass Spiel und Zufall entscheidende Parameter in Ihrer Arbeit sind. Warum?

Weil Entwerfen ein reines Spiel ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: vor ein paar Jahren habe ich mich auf ein sehr kleines Projekt in der Größe eines Apartments konzentriert. Es ging darum, zu sehen, wie viele verschiedene Möglichkeiten sich in einem vorgegebenen Raum unter denselben Parametern ergeben. Durch fast tägliches Wiederholen und Verändern kamen dabei ungefähr 700 Optionen heraus. Das gab uns eine ungefähre Vorstellung davon, wie man die Organisation eines Raumes interpretieren kann. Zwar sind die Möglichkeiten nicht unendlich, aber doch unglaublich vielseitig – erst recht, wenn man dies auf den Maßstab einer Stadt überträgt.

Vor allem ihre frühen Projekte zeigen einen deutlichen Einfluss von den Arbeiten der Russischen Konstruktivisten. Warum hat sie ausgerechnet diese Strömung in den Bann gezogen?

Ich fand das Tempo, die Qualität aber auch die Quantität der kreativen Arbeit in der Zeit nach der Oktoberrevolution schon immer erstaunlich. Als ich in den siebziger Jahren anfing, Architektur zu studieren, haben mich Künstler wie Kasimir Malewitsch oder El Lissitzky stark beeinflusst. Eines der ganz konkreten Ergebnisse davon war, dass ich begonnen habe, Malerei als Werkzeug für die Architektur zu gebrauchen. Ich fühlte mich beengt durch die Armut, die das klassische System der Architekturzeichnungen mit sich brachte, und suchte nach anderen Darstellungsmethoden. Über die Malerei habe ich schließlich ein Mittel gefunden, um über Räume anders nachzudenken. Vielleicht würde ich heute ganz anders bauen, wenn ich nicht diesen Weg genommen hätte.

Sie sagen, dass Sie bereits im Alter von elf Jahren wussten, dass Sie Architektin werden wollten. Was hat damals den Ausschlag gegeben? Sie haben zu dieser Zeit ja noch mit ihren Eltern in Bagdad gewohnt.

Es war wie in vielen anderen Staaten im Mittleren Osten oder auch in Südamerika eine Zeit, in der es um eine Suche nach Identität ging. Es war ein Moment neuer Politik, neuer Staaten und auch neuer Gebäude. Wir hatten immer Zeitschriften wie „Time“ oder „Life“ zuhause und ich erinnere mich noch gut an die Bilder jener Zeit. Eines Tages bin ich auf eine Architekturausstellung gegangen mit meinen Eltern, die übrigens auch an diesem Thema interessiert waren. Ich weiß nicht mehr ganz genau, worum es ging, aber es muss etwas mit Frank Lloyd Wright zu tun gehabt haben, der im Opernhaus von Bagdad in einer Ausstellung vertreten war. Es hat mich sofort neugierig gemacht.

Sie haben in London Architektur studiert und später auch ihr eigenes Büro an der Themse gegründet. Wie kam es zum Schritt nach England?

Ich habe London schon immer gemocht. Mein Bruder ging hier zur Schule und mein Vater war auch öfters in der Stadt. Über einen Freund habe ich dann gehört, dass es mit der Architectural Association einen Ort gibt, an dem man besonders gut Architektur studieren kann. Das hat sich bis in den Irak herumgesprochen! Ansonsten war London natürlich in den Sechzigern eine großartige Stadt – all die Beats und so weiter. Meine Eltern ließen mir in dieser Beziehung viel Freiheit. Schon im Irak konnte ich alle Filme schauen und alle Platten hören, die ich wollte. Als ich dann für ein Jahr aufs Internat nach England kam, wusste ich, dass ich dort auch studieren wollte.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Studienzeit in London?

Die Architectural Association war ein reichlich merkwürdiger Ort zu dieser Zeit. Ich denke, es ging in erster Linie um alternatives Wohnen oder Leben. Vor allem in meinem zweiten Jahr hatte ich eine, nun ja, recht fürchterliche Zeit wegen einiger Professoren. Manchmal haben sie mich eingesperrt in einen Raum, um mir zu sagen, dass ich es hier nicht schaffen werde. Ich meine, ich habe mein Land verlassen, bin nach England gezogen und habe eine englische Schule besucht. Aber sei es drum. In Amerika hätte man sie dafür wahrscheinlich ins Gefängnis gesteckt (lacht).

Aber warum kam es dazu?

Sie dachten, ich wäre verrückt oder reich – nur weil ich saubere Sachen anhatte. Damals war es quasi Pflicht, einen neuen Mantel auf dem Bedford Square gleich vor dem Uni-Gebäude erst einmal durch den Dreck zu ziehen. Es gab eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber Ausländern und man musste in einem besetzten Haus leben oder zumindest schmuddelige Sachen tragen. Das hat mich unglaublich ermüdet. Aber alles in allem war es auch eine gute Zeit, weil ich genug Gelegenheit hatte, meinen eigenen Weg zu finden.

Sind Sie immer noch glücklich, in London zu sein?

Sicher, London ist eine überaus zivilisierte Stadt. Mit Ausnahme des Wetters. Natürlich ist es mit meiner Art von Architektur nicht einfach, hier zu bauen – unser Entwurf für das Schwimmstadion der Sommerolympiade 2012 lag zwischenzeitlich mehrere Jahre auf Eis. Der entscheidende Punkt aber ist, dass es in London unglaublich kreative Ingenieure gibt. Sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst und sind nicht voreingenommen gegenüber einer Architektur, die etwas anders aussieht als das, was sie sonst auf den Tisch bekommen. Diese Offenheit ist sehr typisch für London und hat sich sicher auch auf unsere Projekte übertragen.

Welche Rolle spielen technische Innovationen in Ihrer Arbeit?

Natürlich hat der Computer die Komplexität der Formensprache erhöht. Doch ohne eine Weiterentwicklung der Materialien hätten wir viele Entwürfe gar nicht umsetzen können. Nehmen Sie unser Kulturzentrum in Baku: Wir haben für diesen Bau mit einem Beton gearbeitet, der mit Fieberglas anstatt wie bisher mit Stahl verstärkt wurde. Der Vorteil liegt darin, dass sich extrem dünne Bauteile herstellen lassen. Auf diese Weise konnten wir Platten von nur acht bis dreizehn Millimetern Stärke einsetzen, die sehr leicht sind und dennoch eine hohe Zugfestigkeit besitzen. Ich mag Beton, weil er ein fluides Material ist und sich praktisch jede Form mit ihm erzeugen lässt.

Für den Burnham-Pavillon im Chicagoer Millenium-Park haben Sie eine leichte Metall-Struktur geschaffen, die mit einer Membran aus Textil überzogen wurde. Werden leichte Materialien in Zukunft eine größere Rolle spielen?

Sicher werden in der Architektur bald Materialien zum Einsatz kommen, die verbogen, gedehnt, gekrümmt oder eingewickelt sein können. Gleichzeitig können diese Werkstoffe über eine selbsttragende Struktur verfügen und jede mögliche Farbe oder Oberflächenqualität annehmen. Ich denke, dass die Architektur durch diese Materialien neue Impulse erhalten wird. Der Aspekt des Fluiden in unserer Arbeit wird dann nicht mehr als Sonderfall gelten, sondern sich auf die Architektur insgesamt übertragen. Das macht mich sehr neugierig auf die kommende Jahre.

Wie fühlt es sich an, auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere zu sein?

Ich versuche darüber nicht allzu viel nachzudenken. Ich gehe ja nicht jede Nacht mit dem Gedanken ins Bett: „Wow, ich bin eine sehr wichtige Architektin!“. Denn die tägliche Routine eines Architekten ist auch immer ein Stück seltsam. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich vor allem feststellen, dass sich die Zeit und die langwierige Suche gelohnt haben, die ich in meine Arbeit investiert habe. Anfangs dachten ja viele, dass ich einer überaus sinnlosen Beschäftigung nachging. Aber jetzt im Nachhinein weiß ich, dass es die Anstrengungen wert war und wir im Laufe der Zeit einige sehr wertvolle Dinge entdeckt haben.

Welche Rolle spielt der Schönheit in der Architektur?

Kant hat ja einmal gesagt, dass Schönheit universell sei. Sie muss also ein subjektiver Faktor seitens des Betrachters sein. Für mich geht es in der Architektur vor allem darum, angenehme und stimulierende Räume für alle Aspekte des sozialen Lebens zu schaffen. Ich denke, man muss den Menschen einen flüchtigen Ausblick in eine andere Welt geben und sie mit neuen Ideen begeistern. Das ist für mich Schönheit.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Zur Person

Zaha Hadid hat der Architektur mit ihren organisch-fließenden Entwürfen eine neue Richtung vorgegeben. 2004 wird sie dafür als erste Frau mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrt. Geboren 1950 in Bagdad, absolviert Zaha Hadid ihr Architekturstudium an der Architectural Association In London. Nach ihrem Abschuss wird sie Partnerin im Office for Metropolitain Architecture (OMA) von Rem Koolhaas und gründet 1980 ihr eigenes Büro an der Themse. Die Umsetzung ihres ersten Gebäudes erfolgt spät: Erst 1993, im Alter von 43 Jahren, kann Zaha Hadid mit der Feuerwache auf dem Vitra-Firmengelände in Weil am Rhein die Realisierbarkeit ihrer Entwürfe unter Beweis stellen.

Mit dem Phaeno Science Center in Wolfsburg, dem BMW-Werk in Leipzig sowie dem Museum für die Kunst des 21. Jahrhundert in Rom (MAXXI) gelang ihr der Sprung in die Liga der Stararchitekten. Dabei immer an ihrer Seite: Büropartner Patrik Schuhmacher. Der 54-Jährige Deutsche hat nach dem überraschenden Tod von Zaha Hadid im März 2016 die Leitung des Büros übernommen. Von ihm werden nicht nur die 36 laufenden Projekte zu Ende geführt. Mit seinem 400-köpfigen Architektenteam wird er auch an neuen Wettbewerben teilnehmen und das Werk von Zaha Hadid weiterführen.

 

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